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- Keller Dude-Kopp
Ein Keller Kreuz – eine Seltenheit –
und darum heißen wir „Keller Dude-Köpp“
von Egon Kulmus, gewidmet meinem Jahrgangskollegen Alfred
Müller
Es muss Mitte der 50er Jahre
gewesen sein. Mit meinem Vater besuchte ich den damaligen
Landprodukt-Händler Johann Schmidgen, liebevoll genannt
„de Scheng“ in Wassenach. Beide unterhielten sich
offensichtlich über Einkaufs- oder Verkaufspreise, als
ein älterer Wassenacher auf mich zutrat. In einer Sprache,
die dem Keller Platt ähnelte, fragte er mich: „Na,
bo küss dau denn dann?“. Ich antwortete: „Esch
kommen aus Kell!“ Darauf er lächelnd: „Dann
bes de jo enn Keller Dude-Kopp!“
Diese Feststellung verursachte
in mir ein Unverständnis. Schließlich war ich als
kleiner Junge (und es sollte lebenslang so bleiben) nicht
gerade unbeleibt. Ja, der Ausspruch machte mich in Teilen
sogar wütend. Wäre mir damals bewusst gewesen, dass
die Wassenacher „Klieburger“ genannt werden, hätte
ich bestimmt entsprechend geantwortet. Nun weiter: Die Äußerung
des Mannes behielt ich wochenlang für mich. In mir reifte
in dem frühen Kindesalter schon der Gedanke an das Vergängliche.
Denn als unmittelbarer Anwohner des Kirchengrundstückes
waren mir die sterblichen Überreste meiner Urahnen durchaus
bekannt. Man muss wissen, dass sich bis in die zweite Hälfte
des 19. Jahrhunderts der Friedhof um die (alte) Kirche befand.
Bei Grabungen stieß man immer wieder auf die Gebeine
von Verstorbenen.
Eines Abends fasste ich endlich
den Mut, meinen Vater, der gerade das Vieh fütterte,
zu fragen, was der Ausspruch des Wassenachers sollte. Offensichtlich
muss ich einen höchst bedachtsamen Gesichtsausdruck dabei
gemacht haben, denn mein Vater lachte herzhaft, was ich schon
gar nicht bei der für mich ernsten Frage verstand. Er
nahm mich an der Hand, wir gingen unser Gässchen hinunter
und dann an der alten Kirchenmauer entlang. Gegenüber
dem heutigen Haus der Familie Keuler befand sich eingemauert
ein Kreuz, dass am Fuße einen Totenkopf zeigte. Dies,
so erklärte mir mein Vater, ist die Ursache, dass die
Keller so genannt würden.
In den 60er Jahren des vorigen
Jahrhunderts wurde die Kirchenmauer erneuert. Man barg das
Kreuz und stellte fest, dass auch die Rückseite beschrieben
ist.
Foto: Miriam Kulmus
(Zum Vergrößern Bild anklicken -
ca. 330 kb)
Ein Gespräch mit dem Leiter
des Andernacher Museums, Herrn Dr. Klaus Schäfer, brachte
mich auf das Buch „Himmel, Hölle, Pest und Wölfe:
Basaltkreuze der Eifel“ der Autorin Elke Lehmann-Brauns,
das im Verlag J.P. Bachem in Köln erschienen ist:
Die auf den Himmel gerichtete
Perspektive der Kreuzstiftungen schloss den Wunsch nach Dauerhaftigkeit,
nach Unvergänglichkeit ein. Ihm entsprach die Wahl des
Materials. Eifeler Basaltlava ist dauerhaft. »BIS AN
DAS ENT DER WELT ...« heißt es auf einem Votivkreuz
in Kell, das Jacob Plasweiler »DEN 8. IANU(ar) 1677«
errichten ließ. So lange, weit über seinen Tod
hinaus, wollte er, sollte seine Stiftung bestehen und für
ihn und seine Eltern wirken. In diesem Sinn sind alle Kreuzstiftungen
zu verstehen. Jacob Plasweilers Stiftung umfaßte weit
mehr als nur das Kreuz. Wie die wohl längste Inschrift
auf einem Eifeler Kreuz, die sämtliche Flächen zudeckt,
aussagt, hatte er ein genau bezeichnetes Grundstück von
24 Reichstalern gestiftet. In seiner präzise vorgeschriebenen
Ertragsnutzung kehren dann einige der seit dem Mittelalter
beliebten Erlösungshilfen wieder. So ordnete er an: Lesen
einer Messe, Abbrennen von Wachskerzen und Almosen für
die Armen, und es sollten diese Wohltaten im Rhythmus von
drei Jahren wiederholt werden »BIS AN DAS ENT DER WELT«.
Seine Bitte um Gottes Gnade stellt auf dem Votivkreuz eine
Ausnahme dar, auf Toten- und Grabkreuzen war sie dagegen üblich,
»DSGG« heißt es dort, »Der Seele Gott
gnade«. Jacob Plasweilers Kreuz steht heute in der Grünanlage
vor der Keller Kirche, die erst 1903 gebaut wurde........
Einziges Ornament auf der Vorderseite sind Schädel und
Knochen Adams. An der Rückwand sitzt ein Reliefstern.
Hier der vollständige Text:
Vorderseite:
»MAR(ia). IHS. I(ose)PH, GOT VATER, SOHN VND H. GEIST
WOLLE(n) MIHR, IACOB PLASWEILER GNATIG SEIN. THOMAS PLASWEILER
VNDT GRETA BIM: GOTT WOLLE DIESEN MEINEN ELI'EREN GNADIG SEIN.
AHN GOTES SEGEN IST ALLES GELEGEN. - VON DER ABNUTZUNG DIESER
PLATZEN SOLLEN DAS ERSTE JAHR MESSEN GEHALTEN WERTE, DAS ZWEITE
IAHR SOLLE ZVR EHREN GOTTES DAVON ZVE OBERDVRRENBACH IN DIE
CABEL (Kapelle) WAX GEBRANT WERTEN, DAS TRITTE IAHR SALLE
DIE ABNUTZUNG UMB GOTTES WILLEN DEN ARMEN LEUTEN ANGEWENT
WERTEN. DAS VIERT IAHR WIEDER MESSEN VUNT ALSO FORT WIE OBEN
GEMEIT« ...
Rückseite:»
» 1677 DEN 8. IANV(ar) BIS AN DAS ENT DER WELT. DIESE
GEM(elt)E PLATZ HABE ICH, IACOB, GEKAVFT, VON ALLEN BESCHWERNVS
FREY, VON MEINEM PA I'1 EN IACOB SCHOMACHER VOR 24 REICHST(aler).
DESE PLATZ LIGT VBER DEM BACKES-BUNGERT, GEHET FORT BIS AN
DEN GEMEINEN WEG. WER DIESE PLATZ BRAVCHT, SOL IAHRLICH DAVON
GEBEN WAS BILLIG IST,«
An den Schmalseiten der Kreuzbalken
sind dann noch die Heiligen »S. IACOBUS, s. CASBER,
S. BALTASAR, S. MELGERT, S. IOHANNES BAPTISTA« aufgeführt.
Wie der Dialekt auf die Rechtschreibung abfärbte, kann
man an dieser ausführlichen Inschrift gut ablesen. In
der uneinheitlichen deutschen Orthographie hielt sich die
Richtung nach dem Motto: »Schreibe, wie Du sprichst«
(Adelung, 18. Jahrhundert) lange, Kreuzinschriften bezeugen
es. Erst 1879 und 1880 erschienen offizielle »Regelbücher«,
die dann allmählich angenommen wurden. Soweit Frau Elke
Lehmann-Brauns.
Wer war nun dieser Jacob Plaßweiler?
Auskunft hierüber gibt das Familienbuch über Kell
(Verfasser Gabriele Kulmus und Markus Weidenbach). Danach
kaufte Jacob Plaßweiler ein Stück Land neben der
Kapelle zu Oberdürenbach. Von diesem Land (oder dessen
Pacht) stiftete er eine Messe im Kloster Tönisstein.
Diese Stiftung bestand noch im Jahr 1780. Wie kommt das Kreuz
nun nach Kell? Fest steht, das Jacob Plaßweiler am 11.11.1699
unverheiratet in Kell verstorben ist. So ist ihm das Kreuz
auf eine nicht mehr nachvollziehbare Art und Weise nach Kell
gefolgt.
Heute steht das Kreuz, wie von
der Autorin beschrieben, in den Grünanlagen vor dem Glockenturm.
Die Schrift ist schwer zu erkennen und der Totenkopf ist oft
mit Efeu umwachsen. Sicherlich wäre es eine lohnende
Aufgabe, das Kreuz an einem anderen Ort an der Kirche aufzustellen,
damit das „Testament“ (vielleicht durch eine entsprechende
Hinweistafel mit erklärendem Inhalt) von dem Betrachter
eingesehen werden kann, insbesondere von den „Keller
Dude-Köpp“.
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